{"id":32541,"date":"2022-07-22T11:43:56","date_gmt":"2022-07-22T09:43:56","guid":{"rendered":"https:\/\/php8.plastv.de\/?p=32541"},"modified":"2022-07-22T11:44:21","modified_gmt":"2022-07-22T09:44:21","slug":"32541","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/plas.tv\/?p=32541","title":{"rendered":"Kunststoff hat kein Image-, sondern ein Abfall- und Digitalisierungsproblem"},"content":{"rendered":"<p><strong>Way2K: Branchen-Interviews auf dem Weg zur K-Messe 2022<\/strong><\/p>\n<p><strong>Interview mit\u00a0Christian Schiller, Gr\u00fcnder und CEO der cirplus GmbH<\/strong><\/p>\n<p><strong>Herr Schiller, Sie betreiben seit M\u00e4rz 2020 eine Handelsplattform f\u00fcr Kunststoffabf\u00e4lle und Rezyklate. Woher bekommen Sie die Mengen?<\/strong><br \/>\nVon Anbietern und Nachfragern aus der ganzen Welt. Mittlerweile von \u00fcber 1.300 Unternehmen aus \u00fcber 100 L\u00e4ndern. Allerdings stellen wir derzeit einen erheblichen Nachfrage\u00fcberhang nach hochwertigen Kunststoffrezyklaten fest.<\/p>\n<p>Das klingt zwar im ersten Moment gut f\u00fcr die Recyclingwirtschaft, zeigt aber auch gnadenlos die Defizite im Markt auf. F\u00fcr viele Kohlenstoffe existiert kein industriell verf\u00fcgbares, geschweige denn rentables Recyclingverfahren; zu viele Abf\u00e4lle werden weiterhin verbrannt oder deponiert. Wir leisten uns als Menschheit eine unglaubliche Verschwendung an wertvollen Ressourcen. Aber wir arbeiten bei cirplus mit den Mitteln der Digitalisierung daran, dass sich das \u00e4ndert!<\/p>\n<p><strong>Warum gibt es so wenig Qualit\u00e4tsrezyklat?<\/strong><br \/>\nEinen globalen Mangel an Kunststoffabfall haben wir nicht. Aber wir haben einen Mangel an Abf\u00e4llen, die man gut recyceln kann. Drei Aspekte m\u00f6chte ich hier hervorheben: unterentwickelte Recyclingtechnologien, intransparente und unterdigitalisierte Abfall- und Recyclingstr\u00f6me und schlechtes Produktdesign. Fangen wir mit den Recyclingtechnologien an: diese k\u00f6nnen und m\u00fcssen auf breiter Front aufholen \u2013 und hier rede ich nicht prim\u00e4r vom chemischen, sondern insbesondere vom mechanischen Recycling. Denn dort ist noch die meiste Luft nach oben bei gleichzeitig durchweg positiver \u00d6kobilanz gegen\u00fcber dem Einsatz von Neuware.<\/p>\n<p>Die M\u00e4rkte f\u00fcr Abfall und Rezyklat m\u00fcssen transparenter und digitaler werden. Wie sonst will man global verl\u00e4ssliche Supply Chains aufbauen, wenn man gro\u00dfe Unsicherheiten \u00fcber Qualit\u00e4ten und Mengen nicht abstellen kann? Allein in Europa fehlt von \u00fcber 20 Millionen Tonnen j\u00e4hrlich anfallenden Abf\u00e4llen jede Spur. Transparenz, Nachverfolgbarkeit und digitale Handelstransaktionen sind die Gebote der Stunde.<\/p>\n<p>\u00d6kologisch wie \u00f6konomisch sinnvolles Recycling steht und f\u00e4llt mit dem Produktdesign. Wenn die Verarbeiter und Brands es nicht schaffen, Produkte herzustellen, die nach der Nutzungsphase hochwertig recycelt werden k\u00f6nnen, dann werden wir mit dem Qualit\u00e4tsproblem noch eine ganze Weile zu k\u00e4mpfen haben. All das zeigt, wir haben beim Kunststoff kein Image-, sondern ein Abfall- und Digitalisierungsproblem.<\/p>\n<p><strong>Wo kann man noch ansetzen?<\/strong><br \/>\nWir sollten \u00fcber Standards reden. Es muss pr\u00e4zise erfasst werden, welche Rezyklatqualit\u00e4ten der Markt tats\u00e4chlich braucht. Vor diesem Hintergrund haben wir bei cirplus die Standardisierung von Kunststoffrezyklaten f\u00fcr h\u00f6herwertige Anwendungen und den digitalen Handel initiiert und aktiv vorangetrieben. Der daraus resultierende Standard, die DIN SPEC 91446, wurde im November letzten Jahres auf den Markt gebracht als weltweit erster Standard f\u00fcr hochwertiges Kunststoffrecycling jenseits des PET.<\/p>\n<p><strong>Wird der Markt mit Standards in Schwung kommen?<\/strong><br \/>\nAuf jeden Fall. Mit der DIN SPEC 91446 ist schon jetzt viel Bewegung in den Markt gekommen. Namhafte Produkthersteller haben damit begonnen, ihren Einkaufsbedarf nach der DIN SPEC zu klassifizieren. Pr\u00fcflabore bieten die Zertifizierung nach der DIN SPEC an und Recycler besch\u00e4ftigen sich zunehmend mit den geforderten Spezifikationen. \u00dcber cirplus werden Bedarfe und Angebote nun bereits automatisch auf Grundlage der DIN SPEC eingestuft Und das ist erst der Anfang.<\/p>\n<p><strong>K\u00f6nnen Sie einmal den neuen Standard beschreiben?<\/strong><br \/>\nDie DIN SPEC 91446 ist ein Standard, der den Transparenzgrad der verf\u00fcgbaren Rezyklatdaten in sogenannte Datenqualit\u00e4tslevels (DQL) klassifiziert. Dieser Standard ist ein wichtiger Schritt auf dem Weg, Rezyklate zu einer weltweit verl\u00e4sslich verf\u00fcgbaren Handelsware zu machen. Wir unterst\u00fctzen dabei, indem wir Mengen und Qualit\u00e4ten digital \u00fcber cirplus aggregieren, (Preis\u2011)Vergleichbarkeit herstellen, Transaktionskosten senken sowie besagte Qualit\u00e4tslevel einf\u00fchren. Dies ist Voraussetzung f\u00fcr weitergehende KI-Anwendungen in der Zukunft, wie zum Beispiel Algorithmen, die Preise, Mengen und Qualit\u00e4ten vorhersagen k\u00f6nnen auf Grundlage der abgebildeten Daten bei cirplus.<\/p>\n<p><strong>Jetzt gibt es den Standard, aber man kann auf Ihrer Plattform die gebrauchten Qualit\u00e4ten gar nicht bekommen?<\/strong><br \/>\nBei PET und HDPE sehen wir interessante Bewegungen, auch bei manchen Post-Industrial-Rezyklaten und bei gewissen Mengen au\u00dferhalb Europas. Und richtig, bestimmte Qualit\u00e4tsware ist derzeit nirgendwo zu bekommen, weder online noch offline. Nehmen Sie zum Beispiel lebensmittelgeeignetes PE oder PP Rezyklat: Das gibt es, mit ganz wenigen Ausnahmen, schlichtweg nicht im Markt.<\/p>\n<p>Seitens der Abnehmer, von Konsumg\u00fctern \u00fcber Haushaltswaren hin zum Automobilisten und der Bauindustrie, gibt es jedoch ehrgeizige Ziele f\u00fcr den Rezyklateinsatz. Allein die Kosmetikverpackungsindustrie in Europa ben\u00f6tigt ab 2025 j\u00e4hrlich mindestens 1 Million Tonnen Post-Consumer-Rezyklat. Das setzt enormen Kapazit\u00e4tsaufbau voraus sowie die Erschlie\u00dfung neuer Abfallstr\u00f6me als Feedstock f\u00fcr das Recycling. Hierf\u00fcr entwickeln wir cirplus weiter, um die dauerhafte Beschaffung von Rezyklaten f\u00fcr hochwertige Anwendungen einfach, transparent, kosteneffizient und verl\u00e4sslich zu gestalten. Allein: die Tr\u00e4gheit des bestehenden Systems und widerstreitende Interessen entlang der Wertsch\u00f6pfungskette verlangsamen den Umbau der Kunststoffwirtschaft.<\/p>\n<p><strong>Ist mehr politische Regulierung n\u00f6tig, um den Markt anzusto\u00dfen?<\/strong><br \/>\nJa, es braucht mehr Regulierung, um eine wirklich zirkul\u00e4re Kunststoffwirtschaft zu etablieren. Ich bin marktwirtschaftlich orientiert, aber die Defizite kann der Markt aus sich heraus ganz offensichtlich nicht beheben. Weniger als 10 Prozent PCR-Rezyklatanteil an der gesamten in Deutschland verarbeiteten Menge Kunststoffe sprechen hier die Sprache eines systemischen Versagens bei der Kreislauff\u00fchrung von Kunststoffen, und das \u00fcber 30 Jahre nach Einf\u00fchrung der erweiterten Produzentenverantwortung.<\/p>\n<p>Es bleibt dabei: Dort, wo der Preis der Neuware niedriger ist als der f\u00fcr Rezyklate, wird fast ausschlie\u00dflich Neuware gekauft, und die Abf\u00e4lle haben keinen Wert. Unser Digitalisierungsansatz kann hier schon enorm helfen. K\u00f6nnen so doch bis zu 25 Prozent der Transaktionskosten bei der Herstellung und dem Einsatz von Kunststoffrezyklaten gesenkt werden. Der Staat greift nun ebenfalls ein. J\u00fcngstes Beispiel ist Gro\u00dfbritannien. Dort wird seit dem 01.04.2022 eine Strafsteuer auf Verpackungen erhoben, deren Rezyklatanteil unter 30 Prozent liegt. Andere europ\u00e4ische L\u00e4nder werden nachziehen, und die EU Kommission arbeitet an einer produktspezifischen Rezyklateinsatzquote. Dadurch beginnen die Verwender zunehmend, sich Gedanken um ihr Produktdesign zu machen. Das ist eine gute Dynamik, die aber durch das chemische Recycling im Keim erstickt werden k\u00f6nnte.<\/p>\n<p><strong>Wieso das?<\/strong><br \/>\nIch stelle eine Verunsicherung auf Seiten der Verarbeiter und der Brands fest. Sie h\u00f6ren auf fast jeder Veranstaltung der Kunststoffindustrie, dass das mechanische Recycling an seine Grenzen komme und nehmen wahr, dass die chemische Industrie das chemische Recycling mit Milliardeninvestitionen nach vorne treibt, um auch die heute noch schwer zu recycelnden Kohlenstoffe wiedergewinnen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Sie fragen sich nun zu Recht, ob eigene Anstrengungen f\u00fcr das Design f\u00fcr Recycling \u00fcberhaupt Sinn ergeben, wenn die Petrochemie in Zukunft komplexe Verbundmaterialien tats\u00e4chlich recyceln kann. In einem solchen Szenario m\u00fcssten Verarbeiter und Markenartikler an ihren Produkten also gar nichts \u00e4ndern, weil man als Ergebnis des chemischen Recyclings Quasi-Neuware einsetzen und dennoch Rezyklatquoten erf\u00fcllen k\u00f6nnte \u00fcber den Massenbilanzansatz. Und \u00fcber gestiegene Einkaufskosten aufgrund des energieintensiven Recyclingprozesses muss man sich als Verarbeiter dann keine Sorgen machen, wenn die Brands per gesetzlicher Quote oder Strafsteuer faktisch dazu verpflichtet werden, chemische Rezyklate in bestimmten Mengen einzusetzen. Das ist einer der Gr\u00fcnde, weswegen die Kunststofferzeuger sich f\u00fcr die Mindestrezyklateinsatzquote auf europ\u00e4ischer Ebene stark machen.<\/p>\n<p>Bei diesem Wettstreit um die Zukunft der zirkul\u00e4ren Kunststoffe besteht die Gefahr, dass die Nachhaltigkeit ins Hintertreffen ger\u00e4t. Die bessere \u00d6ko-Bilanz wird stets das mechanische Recycling aufweisen, das ist eine physikalische Gewissheit. Und deshalb w\u00fcrde ich es begr\u00fc\u00dfen, wenn die Markenhersteller und Kunststofferzeuger alles daransetzen, um Rohstoffe und Produkte f\u00fcr das mechanische Recycling zu optimieren und die Recyclingtechnologien nicht nur einseitig in Richtung chemisches Recycling f\u00f6rdern und Steuergelder einfordern f\u00fcr die Forschung. Erst nach mehrmaligen, m\u00f6glichst hochwertigen mechanischen Recyclingzyklen schl\u00e4gt die sinnvolle Stunde des chemischen Recyclings. Hierbei muss allerdings der Vergleich zu einer effizienten Verbrennung des Kunststoffs angestellt werden, um letztlich eine \u00f6kologisch und \u00f6konomisch sinnvolle Verwertungshierachie zirkul\u00e4rer Kunststoffe zu etablieren. Das ist machbar, setzt aber echtes Umdenken bei allen linearen Akteuren voraus. Packen wir es an!<\/p>\n<p><strong>Video Statement Christian Schiller: <\/strong><a href=\"https:\/\/vimeo.com\/708118604\">https:\/\/vimeo.com\/708118604<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Einen globalen Mangel an Kunststoffabfall haben wir nicht. 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