{"id":36654,"date":"2023-06-30T12:55:59","date_gmt":"2023-06-30T10:55:59","guid":{"rendered":"https:\/\/plas.tv\/?p=36654"},"modified":"2023-06-30T12:55:59","modified_gmt":"2023-06-30T10:55:59","slug":"lets-talk-about-chemical-recycling-es-gibt-nicht-die-eine-loesung-im-recycling","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/plas.tv\/?p=36654","title":{"rendered":"Let\u00b4s talk about Chemical Recycling \u201eEs gibt nicht die eine L\u00f6sung im Recycling\u201c"},"content":{"rendered":"<p><strong>Interview mit Prof. Dr. Manfred Renner, Leiter des Fraunhofer-Instituts f\u00fcr Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik UMSICHT<\/strong><\/p>\n<p><strong>Herr Prof. Dr. Renner, was ist die Aufgabe des chemischen Recyclings in der Kreislaufwirtschaft?<\/strong><br \/>\nBei der Transformation zur Kreislaufwirtschaft erg\u00e4nzen sich das chemische und das mechanische Recycling. Es gibt hier kein entweder\/oder, sondern immer nur ein sowohl\/als auch. Beide Technologien werden gebraucht, wenn man den Kunststoff nach seiner Nutzung wieder als Rohstoff einsetzen m\u00f6chte. F\u00fcr das chemische Recycling gibt es vor allem zwei Einsatzgebiete: zum einen dort, wo das mechanische an seine Grenzen kommt. Wenn zum Beispiel der Aufwand f\u00fcr das Sortieren und Reinigen zu gro\u00df ist. Zum anderen kommt das chemische Recycling zum Zug, wenn Material bereits mehrmals mechanisch aufbereitet wurde. Denn mit jeder dieser Aufbereitungen verk\u00fcrzen sich die Polymerketten und oft reichern sich auch Additive im Rezyklat an. Wenn man aber Material von hoher Qualit\u00e4t haben m\u00f6chte, dann braucht man chemisches Recycling, damit man das Polymer in seine Bestandteile zerlegen und danach wieder zusammensetzen kann. W\u00fcrde man das nicht machen, m\u00fcsste man \u00f6lbasiertes Virgin-Material in die Kette einspeisen und k\u00e4me nicht weg von fossilen Rohstoffen. Deshalb ist das chemische Recycling unverzichtbarer Bestandteil des End-of-Life-Handlings von Kunststoffen.<\/p>\n<p><strong>Vielfach wird die schlechte Energiebilanz des chemischen Recyclings kritisiert. Wie sehen Sie das?<\/strong><br \/>\nMan kann die Energiebilanz nicht pauschal kritisieren. Je mehr Fraktionen, also unterschiedliches Material, in ein chemisches Recyclingverfahren gehen, desto mehr muss aufgetrennt werden. Folglich wird mehr Energie ben\u00f6tigt, wenn die Komplexit\u00e4t steigt. Das hei\u00dft aber nicht, dass damit der CO2-Footprint steigt. Wir haben zuletzt im Rahmen eines Forschungsprojektes zusammen mit dem Wuppertal-Institut und dem Analyse-Unternehmen Carbon Minds ein Pyrolyseverfahren mit verschiedenen Feedstocks bilanziert und sind zu dem Ergebnis gekommen, dass man den Carbon-Footprint gegen\u00fcber Virgin-Material um bis zu 50 Prozent reduzieren kann.<\/p>\n<p>Eine Studie des \u00d6ko-Instituts kommt zu dem Schluss, dass chemisches Recycling gegen\u00fcber mechanischem in puncto Klimafreundlichkeit schlechter abschneidet.<br \/>\nEs gibt eine enorme Breite an publizierten Studien zum Thema CO2-Footprint im chemischen und mechanischen Recycling, die zum Teil zu ganz anderen Ergebnissen kommen. \u00dcber diese Beitr\u00e4ge wird nur meist \u00fcberhaupt nicht diskutiert. Die Studie des \u00d6ko-Instituts liefert das Ergebnis, das ein Teil der Branche braucht, um das chemische Recycling maximal zu diskreditieren. Momentan wird ein Kampf ausgefochten, man will den Status quo behalten.<\/p>\n<p><strong>Welches Verfahren eignet sich f\u00fcr welche Anwendung?<\/strong><br \/>\nMan muss es ganz deutlich sagen: Es gibt keine Faustformel f\u00fcr den Einsatz der unterschiedlichen Recyclingmethoden. Wir m\u00fcssen uns dem Thema schrittweise n\u00e4hern und vieles ausprobieren: Wann mechanisches Recycling sinnvoll ist und wann chemisches. Und beim chemischen Recycling m\u00fcssen wir ausprobieren, welche der verschiedenen Verfahren am besten f\u00fcr welche Polymermischung geeignet sind. Das ist die Aufgabe, der wir uns in den n\u00e4chsten Jahren stellen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Bislang arbeiten die meisten chemischen Recycler mit Polyolefinen, die auch im mechanischen Recycling gut zu verarbeiten sind. Warum k\u00fcmmern sie sich nicht um komplexere Kunststoffe?<br \/>\nDie Unternehmen gehen derzeit auf Stoffstr\u00f6me, bei denen sie die realistische Erwartung haben, damit mittelfristig Gewinn erzielen zu k\u00f6nnen. Man f\u00e4ngt nicht gleich mit den schwierigsten Materialien an und investiert hohe Summen in Anlagen, ohne zu wissen, ob man sie wirtschaftlich nutzen oder vermarkten kann. Die Technologie ist nicht das Problem. Vielmehr muss man Kapazit\u00e4ten aufbauen und sich die Rohstoffstr\u00f6me schrittweise erschlie\u00dfen. Nat\u00fcrlich kann man im chemischen Recycling auch komplexe Stoffstr\u00f6me verarbeiten und zu hohen Qualit\u00e4ten kommen, aber da ist der Aufwand f\u00fcr die Fraktionierung eben viel h\u00f6her. Und solange der Rohstoff \u00d6l g\u00fcnstig ist, macht das wirtschaftlich wenig Sinn.<\/p>\n<p><strong>Welche Rolle hat die Politik in dieser Gemengelage?<\/strong><br \/>\nWir haben etablierte und hocheffiziente Wertsch\u00f6pfungsketten in der Kunststoffindustrie. Wenn die in eine gut funktionierende Kreislaufwirtschaft \u00fcberf\u00fchrt werden soll, geht das nicht ohne politische Leitplanken. Es handelt sich schlie\u00dflich um ein komplett neues Wirtschaftssystem. Jetzt kommt das Henne-Ei-Dilemma: Die Politik m\u00f6chte nicht zu stark regulieren, damit der Markt nicht kaputt geht, bevor etwas Neues da ist. Aber ein neuer Markt wird nur entstehen, wenn es legislative Leitplanken gibt, weil er nicht \u00f6konomisch selbsterkl\u00e4rend ist. Genau da stehen wir gerade. Man muss sich bewusst sein, dass die Transformation ein Prozess \u00fcber Jahre, wenn nicht Jahrzehnte ist.<\/p>\n<p><strong>Und konkret?<\/strong><br \/>\nAuch hier gibt es keine einfachen Faustformeln. Aber eine Regulierung sollte unbedingt produktgruppenspezifisch sein. Man muss sich St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck ansehen, was f\u00fcr welche Branche und f\u00fcr welche Produkte m\u00f6glich, sinnvoll und umsetzbar ist. Es sollten auch keine Technologien vorgeschrieben oder beg\u00fcnstigt werden. Beispielsweise mechanisches und chemisches Recycling sollten nicht getrennt, sondern gemeinsam betrachtet werden. Dazu geh\u00f6rt auch das Massenbilanzverfahren. Kundengruppen, die einen echten recycelten Content wollen, m\u00fcssen genau diesen Kunststoff zur Verf\u00fcgung gestellt bekommen. Anderen Kundengruppen reicht es vielleicht v\u00f6llig aus, wenn auf einer Handyschale steht, dass sie zu X Prozent massenbilanziert recycelt wurde.<\/p>\n<p><strong>Wird die Kreislaufwirtschaft ein Erfolg?<\/strong><br \/>\nDas h\u00e4ngt davon ab, was uns die Defossilisierung wert ist. Rein \u00f6konomisch w\u00e4re es ja eher sinnvoll, hochgradig auf Effizienz ausgelegte lineare Wertsch\u00f6pfungsketten so zu lassen, wie sie sind. Wenn uns die Bek\u00e4mpfung des Klimawandels aber sehr wertvoll ist, dann m\u00fcssen wir auch bereit sein, unser Verhalten zu \u00e4ndern und die Kosten zu akzeptieren. Die Umsetzung der Kreislaufwirtschaft wird Billionen kosten, aber sie bietet auch immense wirtschaftliche Chancen. Die verschiedenen Recyclingverfahren, Sortierungsverfahren, Markierungsverfahren sind wegweisende Zukunftstechnologien \u2013 die sich als System international exportieren lassen. Dann wird daraus auf einmal ein sehr positives Gesamtkonzept. Man investiert, aber man erschlie\u00dft auch signifikante internationale M\u00e4rkte. Eine gro\u00dfe Chance f\u00fcr deutsche Unternehmen verschiedenster Branchen.<\/p>\n<p><strong>Video Statement von Dr. Manfred Renner:<\/strong> <a href=\"https:\/\/youtu.be\/23EqBcpCWeE\">https:\/\/youtu.be\/23EqBcpCWeE<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bei der Transformation zur Kreislaufwirtschaft erg\u00e4nzen sich das chemische und das mechanische Recycling. 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