{"id":36990,"date":"2023-07-21T08:44:38","date_gmt":"2023-07-21T06:44:38","guid":{"rendered":"https:\/\/plas.tv\/?p=36990"},"modified":"2023-07-20T16:47:03","modified_gmt":"2023-07-20T14:47:03","slug":"lets-talk-about-chemical-recycling-wir-brauchen-einen-vertrauensvorschuss","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/plas.tv\/?p=36990","title":{"rendered":"Let\u00b4s talk about Chemical Recycling \u201eWir brauchen einen Vertrauensvorschuss\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Interview mit Dr. Matthias Scheibitz, Head of Sustainability Strategy Performance Materials bei BASF<\/p>\n<p><strong>Herr Dr. Scheibitz, von allen in der EU anfallenden Kunststoffabf\u00e4llen werden heute nur 0,1 Prozent chemisch recycelt. Welcher Anteil ist mittelfristig realistisch?<\/strong><br \/>\nDas Joint Research Center der EU kommt nach der Betrachtung der Mengenfl\u00fcsse des Kunststoffabfalls in Europa zu dem Schluss, dass das chemische Recycling in einem optimistischen Szenario bis 2030 seinen Recyclinganteil auf bis zu 15 Prozent steigern kann. Der mechanische Anteil k\u00f6nnte demnach auf 45 Prozent wachsen. Das mechanische Recycling w\u00e4re dann immer noch drei Mal so gro\u00df wie das chemische. Das ist ganz in unserem Sinne als BASF. Denn alles, was mechanisch recycelt werden kann, sollte auch mechanisch recycelt werden. In Europa wandern aktuell 23 Prozent der Kunststoffabf\u00e4lle auf die Deponie, 42 Prozent werden energetisch verwendet und rund 35 Prozent werden mechanisch recycelt. Aus unserer Sicht muss das Ziel sein, mehr Kunststoffe zu recyceln, weniger zu verbrennen und weniger zu deponieren. \u00a0Wir glauben daran, dass es weitere Verbesserungen der Recyclingverfahren geben wird, nicht nur vom chemischen, auch vom mechanischen. Das optimale Ergebnis l\u00e4sst sich sicher aus der Kombination erzielen.<\/p>\n<p><strong>F\u00fcr das Hochfahren des chemischen Recyclings sind hohe Investitionen n\u00f6tig. Welche Rahmenbedingungen sind n\u00f6tig, damit die auch get\u00e4tigt werden?<\/strong><br \/>\nDie chemische Industrie plant nach Zahlen von Plastics Europe bis 2030 etwas mehr als 7 Milliarden Euro in das chemische Recycling zu investieren. Wichtig ist f\u00fcr unsere Industrie vor allem, dass es verl\u00e4ssliche rechtliche Rahmenbedingungen gibt, denn aus eigenen St\u00fccken schaffen wir das nicht. Die zentrale Anforderung ist die gr\u00f6\u00dftm\u00f6gliche Technologieoffenheit. In der Regulatorik muss das chemische Recycling Anerkennung finden f\u00fcr die werkstoffliche Verwertungsquote. Wenn also etwa f\u00fcr Verpackungen ein recycelter Anteil von 30 Prozent gefordert wird, muss das chemische Recycling anerkannt werden. Das gibt uns die Sicherheit, dass unsere Kunden das nutzen d\u00fcrfen. Hilfreich w\u00e4re auch die Einf\u00fchrung einer erweiterten Herstellerverantwortung. Der Hersteller eine Anwendung, zum Beispiel einer Verpackung, eines Autos oder eines K\u00fchlschranks, muss einen gewissen Betrag in einen Topf einzahlen, aus dem dann die R\u00fcckf\u00fchrung finanziert wird. \u00a0Das ist speziell f\u00fcr uns als BASF wichtig, weil so etwas bei den so genannten Performance Materials, die wir in unsere Kernindustrien liefern \u2013 also in die Automobilindustrie und in den Bausektor \u2013 noch nicht existiert.<\/p>\n<p><strong>Welche Rolle spielt das Massenbilanzverfahren, dass derzeit noch skeptisch von der Politik gesehen wird?<\/strong><br \/>\nWenn das Verfahren nicht zugelassen wird, wird die Transformation zu einer funktionierenden Kreislaufwirtschaft so extrem teuer, dass sie wahrscheinlich gar nicht kommen wird. Wir als chemische Industrie k\u00f6nnen mit unserer Kernkompetenz der Stoffumwandlung einen gro\u00dfen Beitrag zu dieser Transformation leisten. Aber es braucht Zeit, bis die Verfahren entwickelt sind und es sind, wie gesagt, hohe Investitionen n\u00f6tig. Aber wir wollen ja auch jetzt schon etwas tun. Das wird m\u00f6glich gemacht durch die Massenbilanz. Ein gro\u00dfer Vorteil ist, dass wir damit existierende Anlagen nutzen k\u00f6nnen. Wir substituieren sehr fr\u00fch in der Wertsch\u00f6pfungskette fossile durch zirkul\u00e4re Rohstoffe, also Roh\u00f6l durch Pyrolyse\u00f6l, und ordnen diese dann bestimmten Produkten zu. Diesen Prozess und jedes einzelne Produkt lassen wir von unabh\u00e4ngiger Stelle zertifizieren. Das ist genauso wie beim \u00d6kostrom.<\/p>\n<p><strong>Warum m\u00fcssen die chemischen Recycler so sehr f\u00fcr die Anerkennung der Massenbilanz k\u00e4mpfen?<\/strong><br \/>\nEs hat etwas mit Vertrauen zu tun. Die neuen, chemischen Recyclingverfahren gibt es noch nicht so lange, die mechanischen Verfahren sind schon etabliert. Im mechanischen Recycling werden bereits Milliardenums\u00e4tze gemacht. \u00a0Die Politik sieht das so: Hier existiert tats\u00e4chlich schon etwas, w\u00e4hrend dort zwar etwas versprochen wird, aber noch nicht in gleichem Ma\u00dfe gezeigt wird. Wir brauchen einen Vertrauensvorschuss.<\/p>\n<p><strong>Was sagen sie zu dem Vorwurf, als Hersteller komplexer Industriekunststoffe nehmen sie beim Recycling von einfachen Polyolefinen den mechanischen Recyclern Input weg?<\/strong><br \/>\nDamit m\u00fcssen wir uns auseinandersetzen. F\u00fcr uns w\u00e4re es vorstellbar, sektorspezifische Ziele zu schaffen: Verpackungen m\u00fcssen sich um Verpackungen k\u00fcmmern, Textilien um Textilien. Und es wird fr\u00fcher oder sp\u00e4ter so kommen, dass sich die Automobilindustrie um ihre Kunststoffe k\u00fcmmern muss. Wir bei der BASF besch\u00e4ftigen uns schon mit der Frage, wie wir uns auch um unsere eigenen Werkstoffe k\u00fcmmern k\u00f6nnen. Als Gegenargument zum Vorwurf der Stoff-Konkurrenz w\u00fcrde ich aber immer sagen, dass der M\u00fcllberg aus Kunststoffverpackungen so riesig ist, dass ausreichend Rohstoffe f\u00fcr alle da sein sollten. Und ich m\u00f6chte nochmals betonen, dass das chemische Recycling das mechanische erg\u00e4nzt und nicht ersetzen soll.<\/p>\n<p><strong>Wird sich die Energiebilanz des chemischen Recyclings absehbar verbessern?<\/strong><br \/>\nEs ist unbestritten, dass der energetische Einsatz beim mechanischen Recycling kleiner ist als beim chemischen. Aber man darf hier nicht \u00c4pfel mit Birnen vergleichen. Das mechanische Recycling braucht relativ saubere Stoffstr\u00f6me, und daf\u00fcr ist nat\u00fcrlich auch noch mal ein gro\u00dfer Aufwand f\u00fcr Sortierung und Reinigung n\u00f6tig. Zudem ist die Pyrolyse ein relativ energieeffizientes Verfahren: Der Teil des Abfalls, der nicht zu \u00d6l umgewandelt werden kann, wird dabei zu Gas pyrolysiert, das zur Erzeugung der f\u00fcr den Prozess erforderlichen Energie verwendet wird. \u00a0Damit ist weniger zus\u00e4tzliche Energie notwendig. Das hei\u00dft, der Prozess ist relativ effizient. Ganz wichtig ist aber, dass wir da, wo wir stehen, nat\u00fcrlich nicht aufh\u00f6ren. Wir m\u00fcssen die Pyrolysetechnologie weiterentwickeln. Es gibt eine Reihe von Technologieanbietern, die zum Beispiel mit Mikrowellen zum Heizen des Prozesses arbeiten. Wenn man diesen Prozess dann mit Gr\u00fcnstrom betreibt, entstehen an der Stelle gar keine Emissionen mehr.<\/p>\n<p><strong>Video Statement von Dr. Matthias Scheibitz:<\/strong> <a href=\"https:\/\/youtu.be\/c7hPK4cceNU\">https:\/\/youtu.be\/c7hPK4cceNU<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Joint Research Center der EU kommt nach der Betrachtung der Mengenfl\u00fcsse des Kunststoffabfalls in Europa zu dem&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":36991,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[24,16],"tags":[],"series":[],"class_list":["post-36990","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-plas-tv-meldungen-auf-der-startseite-unterhalb-slider","category-plast-tv-textmeldungen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/plas.tv\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/36990","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/plas.tv\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/plas.tv\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/plas.tv\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/plas.tv\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=36990"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/plas.tv\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/36990\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":36992,"href":"https:\/\/plas.tv\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/36990\/revisions\/36992"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/plas.tv\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/36991"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/plas.tv\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=36990"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/plas.tv\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=36990"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/plas.tv\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=36990"},{"taxonomy":"series","embeddable":true,"href":"https:\/\/plas.tv\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fseries&post=36990"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}