{"id":37364,"date":"2023-08-28T10:52:28","date_gmt":"2023-08-28T08:52:28","guid":{"rendered":"https:\/\/plas.tv\/?p=37364"},"modified":"2023-08-28T10:52:28","modified_gmt":"2023-08-28T08:52:28","slug":"chemisches-recycling-steht-in-konkurrenz-zur-verbrennung-nicht-zum-mechanischen-recycling","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/plas.tv\/?p=37364","title":{"rendered":"Chemisches Recycling steht in Konkurrenz zur Verbrennung, nicht zum mechanischen Recycling"},"content":{"rendered":"<p><strong>Let\u00b4s talk about Chemical Recycling<\/strong><strong><\/p>\n<p>Branchen-Interview mit Ingemar B\u00fchler, Hauptgesch\u00e4ftsf\u00fchrer PlasticsEurope Deutschland<\/strong><\/p>\n<p><strong>Herr B\u00fchler, wie lange wird es dauern, bis chemisches Recycling in gro\u00dfindustriellem Ma\u00dfstab stattfinden kann?<\/strong><br \/>\nAktuell gibt es weltweit etwa 140 Projekte zum chemischen Recycling. Von den aktiven Anlagen werden derzeit die meisten im Pilotbetrieb gefahren. Einige Unternehmen sind jedoch operativ auch schon einen Schritt weiter. Im westf\u00e4lischen Enningerloh steht bei der Firma Carboliq beispielsweise eine Anlage, die aus dem Input eines angrenzenden Wertstoffhofs ein industriell verwertbares Pyrolyse\u00f6l erzeugt. Auch andere Anlagenprojekte stehen unmittelbar vor dem Sprung in eine andere Gr\u00f6\u00dfenordnung zwischen 40.000 bis 150.000 Tonnen verarbeitetem Material pro Jahr. Im gro\u00dfindustriellen Ma\u00dfstab sind derzeit zwei Anlagen geplant. Lyondell Basell plant eine gro\u00dfe Anlage in Belgien. Und Dow Chemical will eine gro\u00dfe Anlage zusammen mit dem Partner Mura in Sachsen bauen. Voraussetzung ist aber eine Anerkennung des chemischen Recyclings im EU-Recht. Sollte die noch in diesem Jahr kommen, w\u00e4re die Anlage voraussichtlich 2025 betriebsbereit.<\/p>\n<p><strong>Diese Anerkennung ist aber in Br\u00fcssel keineswegs sicher.<\/strong><br \/>\nDer Vorwurf der Politik, sowohl in Europa wie in Deutschland ist oft, dass chemisches Recycling gar nicht funktioniert. Das ist einfach Unfug. Es gibt aber auch einen Vorwurf, der stimmt: Trotz gro\u00dfer Fortschritte ist der Energieaufwand beim chemischen Recycling viel h\u00f6her als beim mechanischen Recycling. Das mechanische Recycling ist hocheffizient, so k\u00f6nnen PET-Flaschen beispielsweise mehrere Dutzend Mal mechanisch recycelt werden, bis die Polymerstrukturen keine weitere Nutzung mehr erlauben.<br \/>\nIn der heutigen Gesetzgebung ist die Idee: Wir verbrennen diese nicht mehr nutzbaren Polymere und gewinnen Energie daraus. Aber der Aufwand f\u00fcr das Verbrennen ist hoch und der Prozess setzt CO2 frei. Statt der Verbrennung w\u00e4re es aus unserer Sicht viel besser, diese Polymere chemisch zu recyceln. Dabei setzt man im besten Fall kein CO2 frei und f\u00fchrt den Kohlenstoff weiter im Kreis. Das chemische Recycling steht hier also nicht in Konkurrenz zum mechanischen, sondern zur Verbrennung.<\/p>\n<p><strong>Wo ist sein Einsatz noch vorteilhaft?<\/strong><br \/>\nMit chemischen Recyclingverfahren k\u00f6nnen wir auch Abfallfraktionen verarbeiten, bei denen mechanische Recyclingverfahren an ihre Grenzen sto\u00dfen. Ein gutes Beispiel ist der Autoreifen. Teile von Reifen k\u00f6nnen wir bereits heute mechanisch recyceln, jedoch k\u00f6nnen wir \u00fcber erg\u00e4nzende chemische Verfahren den Kohlenstoff wiedergewinnen und im Kreislauf f\u00fchren. In unserer Branche ist man deshalb \u00fcberzeugt, dass es auf jeden Fall kommen wird. Wenn wir chemisches Recycling in der EU politisch behindern, dann passiert es eben anderswo auf der Welt. Aber ich bin zuversichtlich, dass wir schlussendlich auch in Europa chemisches Recycling haben werden.<\/p>\n<p><strong>Was macht Sie da so zuversichtlich?<\/strong><br \/>\nDie strikte Trennung und Interessengruppen weichen auf. Es sind l\u00e4ngst nicht mehr nur die Kunststoffhersteller, die in chemisches Recycling investieren. Zunehmend sind es auch die gro\u00dfen mechanischen Recycler. Es gibt wiederum auch Chemieunternehmen, die mechanische Recyclinganlagen bauen, weil sie den Kohlenstoff auf beiden Wegen zur\u00fcckhaben wollen. Es wird immer deutlicher, dass die Kombination einfach Sinn ergibt, wenn man von den gro\u00dfen Abfallbergen herunterkommen und eine echte Kreislaufwirtschaft etablieren will.<\/p>\n<p><strong>Viele mechanische Recycler bef\u00fcrchten derzeit aber noch eine Konkurrenz um die Inputstr\u00f6me.<\/strong><br \/>\nMeine Bef\u00fcrchtung als mittelst\u00e4ndischer mechanischer Recycler w\u00e4re nicht, dass jemand gro\u00dfe chemische Recyclinganlagen baut und mir Abfallfraktionen wegkauft. Meine Bef\u00fcrchtung w\u00e4re, dass jemand mit seiner Investitionskraft viel effizientere oder direkt mit mir konkurrierende mechanische Anlagen baut. Und das, da bin ich ziemlich sicher, wird kommen. Ich glaube, das ist eine Sorge, die man keinem Unternehmen nehmen kann. Hier ist es die Aufgabe der Politik, die richtigen Vorgaben zu machen. Vereinfacht gesagt w\u00e4re das: Alles, was mechanisch rezykliert werden kann, muss so lange wie m\u00f6glich mechanisch rezykliert werden. Fraktionen, die nicht mechanisch recycelt werden k\u00f6nnen, m\u00fcssen anderen Verfahren zugef\u00fchrt werden, um den Kohlenstoff so lange wie m\u00f6glich im Kreislauf zu f\u00fchren. Dann ist man eigentlich auf der sicheren Seite. Mehr brauchte die Politik nicht in den offenen Markt reinregulieren.<\/p>\n<p><strong>Was sollte die Politik tun und was sollte sie nicht tun?<\/strong><br \/>\nSie sollte die Chance nutzen, das gesamte Kunststoffsystem in eine klimaneutrale Kreislaufwirtschaft zu f\u00fchren. Viele der dazu n\u00f6tigen Technologien, die alle schon da sind, werden von der Politik vielerorts nicht begr\u00fc\u00dft. Unsere politische Kultur, vor allem in Deutschland, hei\u00dft Innovationen nicht willkommen. Stattdessen setzt man auf Sicherheit, auf Vorsicht und Dinge, die man kennt. Die Transformation der Kunststoffindustrie ist aber wie andere Transformationen auch ein gro\u00dfes Wagnis. Die Politik darf diesen Wandel nicht verlangsamen, sie muss ihn vielmehr beschleunigen. Und daher muss sie Innovationen willkommen hei\u00dfen. Das Plastik-Bashing muss aufh\u00f6ren. Es gibt ja einen triftigen Grund, warum der Kunststoffverbrauch stetig weiter steigt: \u00a0Weil wir viele Produkte nachhaltiger und kreislauff\u00e4hig gestalten k\u00f6nnen. In der Vergangenheit sind gro\u00dfe Fehler begangen worden. Man hat die Deponierung von Kunststoffabf\u00e4llen erlaubt, gleichzeitig hat man Abfallsammel- und Sortiersysteme viel zu langsam entwickelt. Das k\u00f6nnen und sollten wir bedauern aber zugleich den Hebel jetzt in Richtung Zukunftsf\u00e4higkeit umlegen. Die politische Ablehnung von Kunststoff ist kein Weg in eine klimaneutrale Kreislaufwirtschaft.<\/p>\n<p><strong>Video Statement von Ingemar B\u00fchler:<\/strong> <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=EPmaPvS3SCI&amp;list=PLN1k-lPccLmGYaTNzq3IZc1t1cHTxD0yL&amp;index=2\">https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=EPmaPvS3SCI&amp;list=PLN1k-lPccLmGYaTNzq3IZc1t1cHTxD0yL&amp;index=2<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aktuell gibt es weltweit etwa 140 Projekte zum chemischen Recycling. 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