Das 33. Internationale Kolloquium Kunststofftechnik des Instituts für Kunststoffverarbeitung (IKV) in Industrie und Handwerk an der RWTH Aachen hat einmal mehr gezeigt, dass Forschung und Industrie mit Innovation, neuen Ideen und technologischen Lösungen den Herausforderungen wirtschaftlicher Unsicherheit und globaler Umbrüche gemeinsam etwas entgegenzusetzen haben. Rund 460 Besucher nahmen vom 4. bis 5. März 2026 die Gelegenheit wahr, sich im Aachener Eurogress über aktuelle Entwicklungen rund um Kunststoffwerkstoffe und deren Verarbeitung auszutauschen. Ein zentrales Thema war das Recycling technischer Kunststoffe und Verpackungen. Im Fokus stand ein praxisnaher Wissenstransfer, bei dem fachkundige Expertinnen und Experten aus Wissenschaft und Industrie den Bogen von der Grundlagenforschung bis zur industriellen Anwendung spannten.
Das 33. Kolloquium war ein besonderer Meilenstein in der Geschichte des IKV, denn das erste Kolloquium im Jahr 1950 markierte zugleich die konstituierende Gründung des Instituts – ein gemeinsames Bekenntnis einer noch jungen Industrie und einer Hochschule zu langfristiger Zusammenarbeit, zu Innovation und zu technologischem Fortschritt, das auch nach 75 Jahren aktiv gestaltet wird. Eine gemeinsame strategische Zukunftsentscheidung von Industrie und Forschung nannte der Vorsitzende der IKV-Fördervereinigung, Dr.-Ing. Herbert Müller, die Institutsgründung vor 75 Jahren anlässlich der offiziellen Eröffnung des 33. Kolloquiums.
Plenarvorträge zu aktuellen Entwicklungen
Rezyklateinsatz und kreislauffähige Wertschöpfungsketten in der Automobilindustrie, neue Ansätze für das Zusammenspiel von Kunststoffverarbeitung und mechanischem Recycling, künstliche Intelligenz für die Kunststoffindustrie und ein wirtschaftlicher Ausblick auf langfristige Trends: Das war der thematische Rahmen, den die Plenarvorträge beim 33. Internationale Kolloquium Kunststofftechnik aufspannten. Dafür hatte das IKV mit Dr.-Ing. Werner Tietz (Mitglied der erweiterten Konzernleitung und Leiter Konzern Forschung und Entwicklung bei der Volkswagen AG), Dr. rer. nat. Patrick Gloeckner (Head Next Markets Program und Head Global Circular Economy Program bei der Evonik Operations GmbH), Prof. Dr.-Ing. Achim Grefenstein (Wissenschaftlicher Direktor am IKV und Senior Vice President Group R&D bei Constantia Flexibles Germany GmbH), Dipl.-Ing. Mauritius Schmitz (Wissenschaftlicher Direktor am IKV und Co-Founder der OSPHIM GmbH) sowie Dr. Arne Holzhausen (Versicherungen, Vermögen und ESG im Bereich Allianz Research bei der Allianz SE) hochkarätige Plenarredner gewinnen können, die den Zuhörern spannende Einblicke ermöglichten und neue Perspektiven eröffneten.
Forschung für die Praxis: die Bandbreite der IKV-Forschung
48 Fachvorträge in 16 Sessions lieferten einen umfassenden Überblick über die aktuelle Forschung am IKV. Vorträge aus der industriellen Anwendung zu Beginn jeder Session und die Moderation durch Industriepartner sorgten für Einordnung und stellten den konkreten Praxisbezug her. Um die gesamte Bandbreite des IKV abzubilden, waren die Vortragssessions erstmals vierzügig. Thematisch wurde vor
allem die Nachhaltigkeit in den Blick genommen: von kreislauffähigen Wertschöpfungsketten über Recycling und Rezyklatverarbeitung, robustes Prozessdesign bis hin zu KI-gestützten Entwicklungs- und Fertigungsstrategien. Materialseitig reichte das Spektrum von klassischen Thermoplasten, über faserverstärkte Kunststoffe, Kautschuk und Polyurethane bis zu Verarbeitungsmöglichkeiten für die noch relativ neue Klasse der Vitrimere.
Einer der zentralen Forschungsansätze am IKV ist es, etablierte und bestehende Technologien gezielt zu nutzen, weiterzuentwickeln und zu adaptieren, um nachhaltige Bauteile herzustellen. Ergebnisse dazu gab es in verschiedenen Sessions, die unter anderem das Schaumspritzgießen, die Additive Fertigung, die Herstellung von Hybridstrukturen und den Einsatz von Kunststoffen in der Wasserstofftechnologie thematisierten. Vorgestellt wurde außerdem Forschung, die ein fundiertes Material- und Prozessverständnis ermöglicht – eine wichtige Voraussetzung für robuste Prozesse auch bei der Verarbeitung anspruchsvoller Materialien. Gearbeitet wird auch an Simulationen und Modellierungen, die für eine solide Datenbasis für Werkzeuge der Digitalisierung und der KI nötig sind.
Offenes Technikum: IKV 360°
Über die Vorträge hinaus, zeigten die IKV Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auch in den Laboren und Technika aktuelle Forschung auf dem Weg in die Praxis. An mehr als 60 Stationen erwarteten sie die Besucher am Nachmittag des ersten Konferenztags im IKV auf dem Campus Melaten, um neue Entwicklungen zu diskutieren und Fragen zu beantworten. Laufende Maschinen und Prozesse zu Themen wie Additive Fertigung, Analyse und Prüfung, Digitalisierung, Extrusion, Faserverstärkte Kunststoffe, Kautschuktechnologie, Kreislaufwirtschaft, Plasmatechnik, Polyurethantechnik, Spritzgießen, Strukturberechnung, Wasserstofftechnologien und Werkstofftechnik vermittelten anschaulich Bandbreite und Praxisbezug der IKV-Forschung.
Auszeichnungen
Traditionell werden beim IKV Kolloquium der Georg-Menges-Preise für besonderes Engagement für den Transfer wissenschaftlicher Erkenntnisse in die industrielle Praxis und der Reifenhäuser-Förderpreis für besondere Forschungsleistungen von Nachwuchswissenschaftlern und Nachwuchswissenschaftlerinnen, verliehen. Das IKV ehrte außerdem vier Mitglieder der Fördervereinigung für mehr als 50 Jahre Mitgliedschaft: den Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG, die HELLA GmbH & Co. KGaA, die Kautex Textron GmbH & Co. KG und die Robert Bosch GmbH.
Der Georg-Menges-Preis 2026 ging an Markus Lüling, Chefredakteur des Fachmagazins K-PROFI. Mit der Auszeichnung würdigt die Jury einen Journalisten, dessen Arbeit Branchen- und Unternehmensgrenzen überbrückt. Durch seine transparente Berichterstattung schafft Lüling Orientierung in einem Umfeld, das zugleich durch wachsende Spezialisierung und hohe Dynamik geprägt ist. Gerade in diesem Spannungsfeld ist ein nachvollziehbarer und glaubwürdiger Fachjournalismus von besonderem Wert.
Den Reifenhäuser-Förderpreis 2026 erhielt Jan Kleinsorge für seine Masterarbeit im Bereich Spritzgießen des IKV mit dem Titel: „Inverse thermische Spritzgießwerkzeugauslegung: Entwicklung und Validierung einer thermomechanischen Optimierung des Wärmehaushalts für komplexe dreidimensionale Formteile“. Die Ehrung übernahm Dr.-Ing. Christoph Lettowsky als Vertreter des Stiftungsunternehmens Reifenhäuser Blown Film GmbH & Co. KG.
Den Nachwuchs ansprechen: Recruiting Speeddating
Mit dem Kolloquium schafft das IKV für die Unternehmen aus der Kunststoffindustrie nicht nur einen Ort des Austauschs zu wissenschaftlichen Themen, sondern auch die Möglichkeit, gezielt mit dem Nachwuchs in Kontakt zu treten. Das Recruiting Speeddating, das Studierenden und Absolventen Gelegenheit bietet potenzielle Arbeitgeber kennenzulernen und sich über ihre Zukunftschancen zu informieren, ist mittlerweile zu einem festen Programmpunkt geworden.
Sechs Unternehmen präsentierten sich in diesen Zusammenhang als Arbeitgeber, um (künftige) Bewerber kennenzulernen und passende Kandidaten für Praktika, Abschlussarbeiten und Einstiegspositionen in der Kunststoffindustrie zu finden. Sowohl die 25 Bewerber, durchweg Studierende aus dem Bereich Kunststofftechnik der RWTH, als auch die Unternehmen waren mit der Qualität der Gespräche mehr als zufrieden.
Wohnzimmer des Kolloquiums: Industrieausstellung
Ein zentraler Anlaufpunkt für die Netzwerkpflege und den Austausch mit Experten, Entscheidungsträgern und Geschäftspartnern war während des gesamten Kolloquiums die 400 Quadratmeter umfassende Industrieausstellung im Foyer des Eurogress. Hier fanden sich zahlreiche Besucher bereits am Vorabend es Kolloquiums zur Eröffnung ein, um bei Sandwiches, Currywurst und kühlen Getränken neue Kontakte zu knüpfen und alte aufzufrischen. In den folgenden zwei Tagen boten die Pausen zwischen den Vorträgen reichlich Gelegenheit, Informationen zu sammeln und sich intensiv auszutauschen.
Die mehr als 20 Aussteller repräsentierten die gesamte Wertschöpfungskette der Kunststoffbranche, von Maschinen- und Anlagenherstellern über Verarbeiter und Rohstofflieferanten bis hin zu Herstellern von Analyse- und Prüftechnik sowie Consultingunternehmen. Viele von ihnen sind bereits seit Jahren dabei und ergriffen genauso gerne wie die jungen Forschenden des Instituts die Chance, miteinander ins Gespräch zu kommen.











